Mir fehlt der Durchblick – buchstäblich und im übertragenen Sinne
„Irgendwie seh ich links nicht gescheit“, sagte ich zu meinem Mann.
„Dann solltest du das vielleicht mal abchecken lassen“, erwiderte er.
Wer im ländlichen Niederbayern (keine Ahnung, ob das anderswo in Deutschland anders ist) einen Augenarzttermin will, der kann sich schon mal auf sechs Monate Wartezeit einstellen, es sei denn die fragliche Person lässt eine freundliche Krankenkassenmitarbeiterin aus Hamburg eine ganze Woche lang herumtelefonieren, dann muss sie nur sechs Wochen warten.
„Was für Beschwerden haben Sie denn?“, fragte die Ärztin, als ich endlich auf ihrem Stühlchen Platz genommen hatte.
„Mir fehlt der Durchblick“, sagte ich und fand das augenscheinlich (pun intended) viel witziger als sie.
Zwei Sorten Augentropfen, die mich wirken ließen, als hätte ich an Fröschen geleckt, und viel Ins-Auge-Geleuchte später sagte sie: „Der Grund für die Sehverschlechterung ist eine Katarakt1Trübung der Linse, im Volksmund grauer Star genannt.“ Mit ernstem Blick und bedeutungsschwerer Miene ergänzte sie: „Das ist nicht altersgemäß!“
Fürs Protokoll: Ich bin dreiundvierzig.
„Und was macht man da?“
„Da kann man gar nichts machen!“, erwiderte sie. „Da bleibt nur operieren.“
„Na gut“, sagte ich. „Dann operieren wir eben.“
Die Ärztin, möglicherweise von meinem schnellen Zugeständnis überrascht, ließ die Sprechstundenhilfe einen Termin für mich vereinbaren und damit nahmen die Dinge ihren Lauf.
Ich sitze am Abendessenstisch, das linke Auge zugekniffen, und deute auf das Gesicht eines achtzehnjährigen Jungen:
„Und der sieht aus wie ein Arschloch.“
Meine Tochter kringelt sich schon seit einer Weile vor Lachen über meine Ferndiagnosen ihrer Klassenkamerad*innen, die sie mir genüßlich bestätigt – wie in diesem Fall – oder entrüstet widerlegt, wie im Falle der jungen Frau mit dem Fokuhila. Von der behauptete ich, sie käme als Girlfriend infrage, denn dank des Fokuhilas wäre ihre sexuelle Orientierung jedenfalls geklärt. (Was natürlich Quatsch ist. Aber vielleicht auch nicht. Wie siehst du das?)
Zufrieden mit der Tatsache, dass mein nicht operiertes Auge noch immer in der Lage ist, zwanzig Millimeter große Teenager auuschließlich anhand ihres Aussehens gnadenlos vorzuverurteilen, kehre ich an meinen Schreibtisch zurück und frage mich, wo ich eigentlich mit diesem Artikel hier hin will.
So viel ist klar (pun intended): Wer mich schon länger kennt, weiß, dass ich zwar schwer enttäuscht vom Mangel an Magie in dieser Welt bin, in der Regel aber die Geschmacksrichtung der Brennsuppe, auf der ich dahergeschwommen bin, kaschieren kann. Aber an stillen Abenden wie diesem, frage ich mich schon, ob das Universum mir eventuell was damit sagen will, dass mein linkes Auge, also das auf der intuitiven, persönlichen „Herzensseite“ des Körpers, genau in der Mitte einen trüben Fleck hat, der mir die Sicht auf das Wesentliche versperrt. Eigentlich spielt es aber keine Rolle, ob „das Universum“ einen Plan hat und den auch an mich zu kommunizieren gedenkt – es zählt allein, was ich aus solchen „Zeichen“ mache, unabhängig von ihrem Ursprung.
Denn wenn ich mal ganz ehrlich bin, so muss ich sagen, dass ich meine Akkomodationsfähigkeit schon viel eher eingebüßt habe, als mit der Katarakt-OP (shout-out ans Augenzentrum Landshut: Das war Top-Arbeit, Leute, bin schwer begeistert). Ich habe meine Ziele, die nahen wie die fernen, viel zu desinteressiert und uninspiriert verfolgt. Ich hätte viel eher die Gelegenheit gehabt, meinen Traum vom Schriftstellerdasein mit angemessener Intensität zu verfolgen.
Aber wie immer stolpere ich durchs Leben und bin überrascht, wie aus jeder Murks-Entscheidung doch was Gutes wird.
Als der Berufsfindungstest des Arbeitsamtes ergab, ich solle Englisch oder Deutsch studieren, waren meine Eltern und ich uns einig, „dass man damit kein Geld verdienen kann“. Folglich floh ich unter dem Vorwand, Jura studieren zu wollen, ins ferne Bayern zu meinem damaligen Freund (jetzt Ehemann).
Als das Jurastudium drohte, mich langsam, aber sicher in den Freitod zu treiben, floh ich unter dem Vorwand der Schwangerschaft in das Lehramtstudium, „weil sich mit Jura ohnehin kein Geld verdienen lässt, wenn man nicht eine Kanzlei zu erben hat“.
Als das Lehramtsstudium sich dem Ende zuneigte und es vor der drohenden Integration in die brutale Maschinerie des staatlichen Schulssystem kein Entrinnen mehr zu geben schien, zog ich mich unter dem Vorwand der Kindererziehung in die Freiberuflichkeit zurück und machte was mit Englisch, nämlich Übersetzen. Schockierend, ich weiß.
Was aber tat ich, als sich die Tragfähigkeit des Übersetzens langsam dem Ende zuneigte, weil mehr und mehr auf das unsägliche „Post-Editing“ maschinell vorübersetzter Sprachmurkserei umgestellt wurde? Richtig: Eine Fortbildung zur staatlich geprüften Übersetzerin.
In meiner Familie geht das Gerücht, ich schmeiße etwas immer dann hin, wenn ich es gemeistert habe, weil ich dann eine neue Herausforderung brauche. Als ich die Weiterbildung zur Computerkursleiterin absolviert hatte, kündigte ich. Als ich die Heilpraktikerprüfung bestanden hatte, machte ich meine Praxis zu. Aber diesmal wollte ich standhaft sein. Übersetzerin bleiben.
Du denkst wohl, du gehörst zu denen, denen Dänen alles durchgehen lassen? Nein, nein, mein Freund.
Leider nahm die ganze Chose mit der maschinellen Übersetzung direkt nach meinem Abschluss so richtig Fahrt auf: Erst sprang ein großer Tech-Kunde ab, ein halbes Jahr der zweite, und der letzte, mein ältester und treuester Kunde, gab mir dieses Frühjahr den Laufpass. Hätte ich das kommen sehen können? Oh ja. Habe ich tapfer die Augen davor verschlossen und la la la gesungen? Absolut. Aber hätte ich wenigstens mal anfangen können, mich nach einem alternativen Berufsfeld umzusehen? Jup.
Ausgerechnet Autorin?
Ja! Denn, wenn man eine Familie fünfzehn Jahre lang mit kruden IT-Übersetzungen über Wasser halten kann, sprich: Mit Englisch Geld verdienen, dann wird man ja wohl auch mit Deutsch Geld verdienen können!
Dass ich Schriftstellerin bin, ist ohnehin keine Frage. Die Frage ist nur, ob ich das Zeug dazu habe, dich mit meinen Geschichten zu begeistern, dein Herz zu berühren und mit tiefen Gefühlen zu erfüllen. Was denkst du? Finden wir es gemeinsam heraus?
Was ist denn nun das Ziel dieses Artikels, Bess? Verrätst du mir das jetzt mal?
Vielleicht hast du das gerade gedacht, sitzt den Kopf aufgestützt in deinen Bürostuhl gefläzt, trommelst du mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte und fragst dich, ob da noch was kommt.
Die Botschaft ist dir klar: Warte nicht zu lang. Folge deinem Traum. Verliere deine Ziele nicht aus den Augen.
Sei mutig!
Ja, ja, denkst du vielleicht. Weiß ich alles, hab ich schon hundert Mal gehört.
Ja.
Ich auch.
Aber sieh (pun intended), was passieren musste, damit ich mich diesem Ziel, das mich seit meinen späten Teenagerjahren begleitet, endlich in Angriff genommen habe!
Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Ab einem gewissen Alter, haben wir alle Ratschläge, die es sich zu folgen lohnt, schon mal gehört. Aber haben wir auch danach gehandelt? Ich weiß nicht, wie das bei dir ist, aber ich nicht. Jedenfalls nicht in diesem Fall und ganz sicher auch sonst nicht oft genug.
Was ich also mit all diesen Worten erreichen möchte, abgesehen davon, mir die trotz aller medizinischer Professionalität und hervorragender Versorgung traumatische Erfahrung von der Seele zu reden, mit dreiundvierzig einer ansonsten Hochbetagten und mangelernährten Babys vorbehaltenen OP unterzogen worden zu sein und jetzt zu 0,001% aus Plastik zu bestehen, ist Folgendes:
Sei mutig!
Was wolltest du schon dein ganzes Leben lang tun, aber hast dich nie getraut?
Tu es!
Und zwar noch heute. Oder mach zumindest den ersten Schritt, wenn es was Größeres ist.
So, wie ich, die ich mit diesem Artikel ein weiteres Mosaiksteinchen in mein Wandgemälde der Weltherrschaft durch queere Romance-Bücher einsetze.
Wenn du bis hierher gelesen hast, bist du in jedem Fall eines: hartnäckig. Nicht leicht abzuschütteln. Du hast Durchhaltevermögen.
Nutze das.
Der Tipp Nummer Eins, an den ich mich derzeit klammere wie Leonardo di Caprio seiner Zeit an das Brett, auf dem Kate Winslet lag, ist, dass Hartnäckigkeit und der Wille, nicht aufzugeben, die einzigen beiden Qualitäten sind, die es braucht, um früher oder später erfolgreich zu sein (und von Mel Brooks als Vampir eingestuft zu werden). Ich hoffe zwar sehr auf „früher“ statt später, aber ich nehm auch später.
Dran bleiben ist das Entscheidende.
Und deshalb beende ich diesen Beitrag mit der Info, dass mein neuer Roman Konfabellationen am 30.08. exklusiv bei Amazon als E-Book erscheint. Irgendwann später dann auch als Print, aber mein Designer ist im Urlaub, also kann das noch ein bisschen dauern. Alle Infos zu diesem romantischen Coming-of-Middle-Age-Knaller findest du hier auf meiner Website.
Möchtest du den Roman vorab lesen und mir eine Rezension schenken? Schreib mir!