Tristan Ritters letzte Reise

Eine weitere Kurzgeschichte aus den 7-14-7-Übungen des Schreibforums – ich liebe diese Übungen!


Da stieß Tristan das Schwert in den Stein und verkündete mit lauter Stimme: „Wenn es das ist, was Ihr von mir verlangt, meine Königin, so will ich nicht länger Euer Ritter sein.“
Die Königin musterte ihn mit kühlem Blick. „So sei es. Tötet ihn!“ Die Wachen eilten herbei.
„Auf ein Wort, Majestät.“ Die Hofzauberin Urielle trat zwischen den Kastanienbäumen hervor. „Was, wenn niemand das Schwert aus dem Stein ziehen kann? Es wäre für immer verloren.“
Die Königin gebot den Wachen Einhalt. Nachdenklich klopfte sie mit dem Zepter in ihre Hand. „Das ist wahr. Doch was nützt es mir in der Hand eines Unwilligen?“
Urielle verneigte sich. „Ihr werdet die richtige Entscheidung treffen, Majestät.“
Die Königin öffnete den Mund und sprach: „Angelika! Komm jetzt, Opa braucht noch einen Moment für sich.“
Angelika schlang die kleinen Ärmchen um meinen Hals. „Lies weiter, bitte“, flüsterte sie mir ins Ohr.
„Das geht nicht, mein Engelchen.“ Ich streichelte ihren Rücken. Mein Blick glitt über das gelbliche Papier, dass ich eigenhändig mit all diesen Buchstaben gefüllt hatte. „Ich weiß noch nicht, was die Königin sagt.“
Susanne nahm mir die Kleine vom Schoß, ignorierte ihren Protest und trug sie hinaus. „Tschüss, Opa!“, rief Angelika traurig und winkte. Ich winkte zurück.
Eine Schwester in blütenweißem Gewand kam herein. „Sind Sie dann so weit, Herr Ritter?“
„Geben Sie mir … noch ein paar Minuten, Fräulein, bitte.“ Ich schenkte ihr mein schönstes Lächeln. Sie erwiderte es, wenn auch gepresst und voll jugendlicher Ungeduld. „Nun gut, eine Viertelstunde noch. Sonst müssen Sie ein anderes Mal wiederkommen.“
Ich nickt eifrig und fasste den Bleistift fester. Es fehlten nur noch ein paar Zeilen. Wie entschied die Königin? Würde Tristan leben oder sterben? Und wenn er lebte, würde es ein gutes Leben sein? Der Herzmonitor piepte in immer kürzerer Folge. Meine Handflächen schwitzten. Ich musste eine Entscheidung treffen – leben oder sterben?
Leben …
Oder sterben.

„Wenn du noch nicht so weit bist, Papa, können wir sicher eine Lösung finden. Ich meine, Tradition hin oder her – zwingen können sie dich nicht.“


Susanne kam herein. Sie setzte sich neben das Bett auf einen Stuhl und nahm meine Hand. Ein trauriges Lächeln lag in ihrem Gesicht. „Wenn du noch nicht so weit bist, Papa, können wir sicher eine Lösung finden. Ich meine, Tradition hin oder her – zwingen können sie dich nicht.“
Energisch schüttelte ich den Kopf. „Nein, Liebes, ich verstehe euch ja – du und deine Brüder, ihr seid zu dritt und ich nur einer. So egoistisch bin ich nicht.“
Sie tätschelte meine Hand. „Ich bin froh, dass du es so siehst.“
Der Schmerz in meiner Brust brannte heißer.
„Kann ich dir noch etwas bringen?“
Der Herzmonitor piepte inzwischen sehr eindringlich. Sie ignorierte es.
„Nein, ich… ich würde nur gern diese Geschichte vollenden, bevor ich gehe.“ Sie nahm mir den Block aus der Hand und las. Ein Schmunzeln huschte über ihr Gesicht. „Sehr hübsch. Wie wäre es, wenn die Königin Gnade walten lässt? Wäre doch ein schönes Ende.“
„Ja, vielleicht.“ Ich rieb mir über die spröden Lippen. Auf der anderen Seite der bodenlangen Gardinen zwitscherte eine Schar Sperlinge in der sonnendurchfluteten Krone des Kastanienbaumes. „Aber realistisch ist es nicht.“
Susanne lächelte aufmunternd. „Nun, nun, alles in allem ist es doch eine gerechte Welt.“
Der Herzmonitor schlug Alarm. Die blütenweiße Schwester kam herein, scheuchte meine Tochter hinaus und prüfte das Gerät. Schließlich schaltete sie es ab. „Sie machen es sich unnötig schwer, wenn Sie es so lange vor sich herschieben.“ Mit ernster, strenger Miene fixierte Sie mich. „Sie müssen jetzt eine Entscheidung treffen, Herr Ritter. Gehen Sie jetzt oder machen Sie einen neuen Termin aus.“
Ich bekam keine Luft. Mein Herz fühlte sich noch immer wie im Schraubstock an. „Die Geschichte“, murmelte ich matt, „sie ist noch nicht zu Ende.“
Die Schwester nahm den Block vom Stuhl, wo Susanne ihn hinterlegt hatte und überflog die letzten Zeilen. „Ist doch ganz einfach. Sie lässt ihn hinrichten. Irgendeiner wird schon kommen, der das Schwert aus dem Stein ziehen kann. Es kommt immer ein neuer Ritter nach.“ Sie bemerkte die Ironie in ihren Worten und räusperte sich. „Nichts für ungut, Herr Ritter. Ich schreib’s Ihnen fix fertig, ja?“ Sie nahm den Bleistift und schickte sich an, den Satz zu beenden. „Nicht! Bitte … lassen Sie es einfach so. Ich …“ Ich atmete tief durch. „Ich bin so weit. Gehen wir.“

„Sobald Sie so weit sind, drücken Sie bitte hier auf den Knopf. Sie müssen den Becher nicht trinken, aber wir empfehlen es. Im Namen ihrer Angehörigen ein herzliches Vergelt’s Gott und einen sanften Übergang.“


Zufrieden löste sie die Bremse und schob das Bett hinaus. Ich drückte den Block fest an mich. Es gab noch so viele Abenteuer für Tristan zu erleben. Draußen auf dem Gang standen sie alle, Susanne, Gustav und Bernd. Und Angelika, mein Engelchen. Sie winkte mir noch einmal und barg dann das Gesichtchen in der Halsbeuge ihrer Mutter. Ich schluckte. Vergeblich, mein Mund fühlte sich wie ausgedörrt an. Die Schwester schob mich in einen kreisrunden, fensterlosen Raum. Die Dunkelheit erhellten nur zwei sanfte, gelbe Lampenkugeln. Eine andere Schwester brachte das Tablett. Sie schob es auf einem Wagen herein und stellte es in meine Reichweite.
„Sobald Sie so weit sind, drücken Sie bitte hier auf den Knopf. Sie müssen den Becher nicht trinken, aber wir empfehlen es. Im Namen ihrer Angehörigen ein herzliches Vergelt’s Gott und einen sanften Übergang.“
Ich nickte schwach. Als die beiden Frauen den Raum verlassen hatten, sah ich noch einmal auf meinen Text. In der Dunkelheit konnte ich die Buchstaben kaum erkennen. Jetzt war es ohnehin zu spät. Ich würde nicht erfahren, welches Urteil die Königin fällte. Mit zitternden Fingern nahm ich den Becher zur Hand. Sie sagten, man spüre nichts, wenn man ihn trank. Man schliefe einfach ein. Trank man ihn nicht, dauerte es länger, doch war man bis zum Schluss Herr seiner Sinne.
Da stieß ich den Becher vom Tablett und verkündete mit lauter Stimme: „Wenn es das ist, was ihr von mir verlangt, meine Kinder, so will ich nicht länger eure Bürde sein.“
Ich drückte den Knopf. Ein Zischen kündigte den vom Boden aufsteigenden Nebel an. Die Finger in die Bettdecke gegraben, starrte ich die beiden Lichtkugeln über mir an. Langsam verschwammen sie zu der schönen und schrecklichen Gestalt der Königin. Lähmende Schwere kroch in meine Glieder. Ich fürchtete mich so sehr und wusste doch, dass mir keine Wahl blieb.
„Du hast mir treu gedient, mein Ritter.“ Sanft strich die Königin über mein Kinn. „Deshalb gewähre ich dir einen letzten Wunsch.“ Sie hob den Block von meiner Brust und führte meine Hand mit dem Bleistift, der so schwer in meinen Fingern lag, als sei er wahrhaftig von Blei.

Die Königin öffnete den Mund und sprach: „Ritter Tristan, das Schwert habt Ihr nur geliehen, und durch Eure Tat ist es nun unbrauchbar geworden. Nun denn, Euch sei vergeben.“ Sie winkte den Wachen. „Tötet ihn, aber das Mädchen soll leben, wie es sein Wunsch war.“
Die Wachen erschlugen den Ritter, das Kind aber, das zu opfern er sich geweigert hatte, lebte. Es wuchs zu einer stattlichen Ritterin heran und vollbrachte viele Heldentaten. Manchmal dachte es an den Ritter und sein Geschenk zurück. Als es schließlich das Schwert aus dem Stein zog, lächelte die Königin.

Ich lachte leise. Mit dieser Wendung hatte ich nicht gerechnet. Block und Stift entglitten meinen Fingern. Der Nebel erfüllte inzwischen den ganzen Raum. Ich fühlte mich zu müde, um noch zu atmen.

***

„Kann Opa mir heute Abend wieder vorlesen?“, fragte Angelika.
Susanne wischte sich eine Träne von der Wange. „Leider nicht, mein Schatz.“
Die Schwester kam aus dem Zimmer. „Er ging mit einem Lächeln im Gesicht.“ Sie reichte Susanne den Block. „Um den Rest kümmern wir uns. Die Bestätigung für die Versorgungskasse können Sie an der Rezeption abholen. Einen schönen Tag noch.“
Angelika nahm den Block und drückte ihn fest an sich. Sie würde die Abenteuer des Ritters Tristan noch viele Male gelesen haben, bis die Zeit kommen sollte, ihre Mutter erneut in das große weiße Gebäude unter den Kastanienbäumen zu begleiten.


Bild: jaymethunt auf Pixabay

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