Seelenschulden – Textprobe
Seelenschulden – Textprobe

Seelenschulden – Textprobe

Jeden Tag ein neuer Beitrag fühlt sich mehr und mehr wie eine blöde Idee an, aber noch bin ich nicht bereit, aufzugeben. Stattdessen ist mal wieder Recycling-Time! Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner WIP Seelenschulden. Nachdem das Cover-Mockup das Erste ist, was du beim Aufrufen der Seite siehst, ist es sicherlich eine gute Idee, einen kleinen Asuzug zu präsentieren:


Erschöpft lehnte ich mich auf dem Stuhl zurück und sah Ana beim Schlafen zu. Wie friedlich sie jetzt aussah. War das ein Lächeln auf ihrem Gesicht? Schien fast so. Ich atmete etwas leichter. Der Schmerz in meiner Hand ließ nach, doch das Stechen im Brustkorb blieb. Ich hatte heute Morgen schon eine Menge Kraft verbraucht, um den Dämon zu töten. Jetzt den Rest davon in Ana zu pumpen, machte mich müde und schwerfällig. Ich konnte froh sein, wenn ich es bis nach nebenan in mein Bett schaffte. Mühsam schob ich mich in die Höhe und wankte aus dem Zimmer. Ana sollte schlafen und ich auch. Die Ruhezeit bis Schichtbeginn betrug gerade noch so zwei Stunden.

Mona saß in der Küche. Als sie mich sah, stand sie auf und kam herüber. »Und?«

Ich wich ihrem Blick aus.

»Die Anfälle werden schlimmer. Manchmal habe ich das Gefühl, was immer ich tue, ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.«

Mona deutete auf den Stuhl an dem winzigen Ecktisch in der Küche. »Setz dich.« Sie nahm zwei Tassen aus dem Schrank und stellte sie vor uns hin. »Ich weiß, du gibst dir alle Mühe, Gene, mit deinem Job bei Habermann und Söhne und diesen Frag-nicht-danach-Geschichten draußen in Garching.« Mit dem Wasserkocher in der Hand ging sie hinüber zur Spüle. »Aber du musst mehr tun, hörst du?« Der Hahn rauschte und quietschte. Sie stellte den vollen Kocher auf seine Bodenplatte zurück und setzte sich zu mir. »Ich will das Café wieder eröffnen. Ben hätte es so gewollt. Und Mama würde es guttun, ab und zu wieder hinter der Theke zu stehen.«

Als sie Ben erwähnte, gab es mir einen Stich. Jedes Mal, wenn wir über ihn sprachen, fürchtete ich, sie könnte mir an den Augen ablesen, was wirklich im Englischen Garten geschehen war. »Du meinst, wir sollen Angie rund um die Uhr anstellen? Ich denke, ich könnte wohl noch einen Tausender mehr im Monat erwirtschaften.« Immerhin hatte ich noch nicht versucht, eine Niere zu verkaufen. Vielleicht wuchs sie ja nach?

Mona nahm meine Hand. »Ich meine damit, dass du in Ordnung bringen musst, was nicht mit dir stimmt.«

Mein Herz setzte zwei Schläge lang aus, nur um dann mit vierfacher Geschwindigkeit loszugaloppieren. »Was?«

»Du konntest mal alles heilen, Gene. Alles.«

Sie hielt mir die Linke unter die Nase. Wer es nicht wusste, hätte nicht sagen können, dass die Endgelenke von Ring- und Mittelfinger ein paar Jahre lang gefehlt hatten. Lediglich eine weiße, gezackte Narbe erinnerte daran, dass sie einmal ein Schäferhundsnack gewesen waren. »Was auch immer diese Männer damals getan haben, du musst darüber hinwegkommen. Du musst deine Seele heilen, damit sie Mama heilen kann.«

Ich wich ihrem Blick aus. Mona war viel scharfsinniger als alle, die ich kannte. Dass Telmara ihre Erinnerungen an jene Nacht manipuliert hatte, war zu ihrem Schutz geschehen – und zu meinem. Dennoch tat es weh, sie wieder und wieder anzulügen. Nur eins wäre schlimmer – ihr die Wahrheit zu sagen. Der Wasserkocher brodelte und rauschte und verschaffte mir etwas Bedenkzeit. Mona gab je einen Teebeutel in die beiden Tassen mit der Aufschrift Mein Tatenvolumen ist aufgebraucht und Ich habe heute keine Verbindung zu meinem E-Lan und übergoss sie mit dem heißen Wasser.

»Mona, hör mal … ich … das ist nicht so einfach, weißt du? Was damals passiert ist …«

Sie stellte die Tasse vor mich hin und setzte sich wieder. »Uns läuft die Zeit davon, Gene.« Müde rieb sie sich über das Gesicht. »Ich wollte dich eigentlich nicht damit belasten, aber du hast es verdient, die Wahrheit zu hören.«

Jedes ihrer Worte fraß ein Loch in mein Herz.

»Mamas Krankheit … sie liegt in der Familie. Mamie hat sich von einer Brücke gestürzt, weil sie es nicht mehr aushielt. Da war sie gerade einmal sechsunddreißig. Und ihre Mutter wiederum ist bei einem Exorzismus ums Leben gekommen.« Sie nahm einen Schluck Tee, den Blick in die Ferne gerichtet. »Und ich …«

Bitte nicht, Mona, mein Herz tut schon jetzt so weh.

»Und ich sehe es auch manchmal. Am Rand meines Blickfelds huschen diese Schatten vorbei. Wenn ich müde bin oder unkonzentriert. Ich weiß, dass sie nicht real sind. Noch …«

Ich stand so hastig auf, dass der Stuhl gegen die Heizung polterte. Mit zitternden Händen nahm ich sie in die Arme. »Wir kriegen das hin, hörst du? Wir kriegen das hin.«

Mona legte die Hand auf meinen Arm. »Danke«, flüsterte sie.


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Bild: Michael Gaida von Pixabay