Traumdeutung für Bodenständige
Traumdeutung für Bodenständige

Traumdeutung für Bodenständige

Als Mensch, der gleichzeitig mit einem ausgeprägten magischen Denken und einem analytischen Verstand ausgestattet ist, habe ich zwei Probleme: 1. Ich möchte so sehr an das Übernatürliche glauben. Und 2. Ich kann einfach nicht, wenn ich keine Logik dahinter sehe.

I want to believe

In jungen Jahren habe ich mich mehr angestrengt, meine Fox Mulder’sche „I want to believe“-Haltung zu pflegen, aber je älter ich werde, desto weniger Lust habe ich, mich bullshitten zu lassen. Weil der Drang, das potenziell Übersinnliche zu erforschen, nie ganz verschwindet, befasse ich mich mit bestimmten Themen, die zumindest im Ansatz einer wissenschaftlichen Beleuchtung standhalten. Eines davon ist die Traumdeutung. Ich habe mich jahrelang mit dem so genannten Luzidträumen beschäftigt und kann auch heute noch mit entsprechendem Aufwand meine Träume als solche erkennen, bei Bedarf verlassen und bis zu einem gewissen Grad lenken. Das ist jedoch schon immer recht aufwändig gewesen und hat mir bisher abgesehen von den „Bragging Rights“ gegenüber Mitesoteriker:innen keinen Mehrwert gebracht.

Was jedoch durchaus lohnenswert sein könnte, ist die Beschäftigung mit den Inhalten gewöhnlicher Träume. Da ich kein Wissenschaftler bin und auch nicht zwingend sein will, habe ich keine Studien dazu vorzuweisen, wer wann wie träumt, sondern beziehe mich hier nur auf meine Erfahrung. Ich träume jede Nacht, meistens irgendeinen Quatsch, den ich morgens detailliert wiedergeben kann, wenn ich mir direkt nach dem Aufwachen ein paar Minuten Zeit für eine bewusste Erinnerung nehme oder die Träume so intensiv waren, dass sie sich quasi ins Gedächtnis gebrannt haben. Diese Träume nehme ich in vollfarbigen Bildern, Tönen und Gefühlen wahr, die in ihrer Intensität nur mit einer bewussten Anstrengung von der Realität zu unterscheiden sind. Ich erwache regelmäßig morgens mit dem Gedanken: „Hm, hätte nicht gedacht, dass ich nochmal in diese Realität zurückkehre. Aber irgendwie bin ich froh darüber.“ Danach brauche ich ein paar Minuten, um mich zu sortieren und wieder zu wissen, wer und wo ich bin und was an diesem Tag von mir erwartet wird.

Träume dienen der Verarbeitung des Tagesgeschehens, unserer Gefühle, Gedanken und Erinnerungen.

Ein Bekannter von mir sagt, dass diese Art von Träumen eine pathologische Ursache haben und ich mich untersuchen lassen sollte. Vielleicht hat er recht, vielleicht nicht. Was ich heute hier jedenfalls tun möchte, ist die gewöhnlichen Träume zu analysieren und eine Interpretationshilfe für einige meiner gängigen Traummmotive als Grundlage für deine eigenen Interpretationen zu bieten.

Grundlagen der Traumdeutung

Als Erstes möchte ich erklären, wie ich „gewöhnliche Träume“ definiere und warum es sinnvoll sein kann, sie zu interpretieren.

Gewöhnliche Träume dienen meiner Ansicht nach der Verarbeitung des Tagesgeschehens, unserer Gefühle, Gedanken und Erinnerungen. In der Regel ist es weder notwendig noch sinnvoll, diesen Verarbeitungsprozess zu analysieren und zun interpretieren. Wenn sich Traummmotive jedoch häufen oder Träume uns quälen und somit die Schlafqualität beeinträchtigen, kann es helfen, das Unbewusste ins Bewusstsein zu rücken und durch Interpretation und Analyse die Verarbeitung zu beschleunigen. Für die Menschen, für die das funktioniert, können die gewonnenen Erkenntnisse zu einer ruhigeren Nacht und damit zu einem energiegeladeneren Tag führen.

Aufbau von Träumen

Der für die Datenverarbeitung zuständige Teil des Gehirns.

Weil gewöhnliche Träume sinnbildlich gesprochen der Datenverarbeitung dienen und sich mit dem Defragmentieren einer Festplatte vergleichen lassen, entspricht ihr Aufbau nicht dem logischer Gedankengänge oder typischer Erzählungen. Szenen setzen sich aus verschiedenen Erlebnissen, Fantasien, Erinnerungen, Vorstellungen und anderem Material aus dem Gehirnspeicher zusammen und bilden das ab, was unser Unterbewusstsein gerade beschäftigt. Interessanterweise – das habe ich zumindest für mich festgestellt – unterscheidet unser Gehirn dabei nicht zwangsläufig zwischen unseren eigenen Gedanken und denen anderer, die wir etwa aus Gesprächen oder Medien aufgenommen haben. Auch, wenn ich es durchaus für möglich halte, von Dingen zu träumen, die wir nie so erlebt oder wahrgenommen haben, so müssen doch zumindest die Grundelemente unseres Traumes irgendwann in das Gehirn „eingespeist“ worden sein. Ein Beispiel: Ich träume relativ oft vom Meer und manchmal auch, dass ich unter Wasser herumschwimme. Das habe ich selbst noch nie gemacht, jedenfalls nicht in einem offenen Gewässer, geschweige denn dem Meer, aber ich habe es schon oft in Filmen und Dokumentationen gesehen.

Unser Gehirn kann aus den einfachsten Zutaten die verrücktesten Szenen zusammenkochen, aber es hat immer etwas mit uns und unserer Erlebenswelt zu tun.

Ein anderes Beispiel: Ich träumte einmal als Teenager von einem flächig schwarzen, zweidimensionalen Wesen, das einer zum Leben erwachten prä-kolumbianischen Wandmalerei ähnelte und am Ende des Flurs zu meinem Zimmer stand. Es hatte sein eines, ausdrucksloses Auge auf mich gerichtet und ich hatte das Gefühl, hineingezogen zu werden. In diesem Moment wurde ich von einem extremen Sog erfasst und rückwärts gerissen. Ich erwachte mit einem heftigen Drehwurm und hämmerndem Herzen. Obwohl ich mich nie mit aztekischer Kunst beschäftigt noch eine besondere Beziehung zu ihr hatte, so bestand das Wesen doch aus den typischen Elementen einer humanoiden Form. Die Ähnlichkeit zu indigener Kunst ergab sich einfach zufällig. Was ich damit sagen will: Unser Gehirn kann aus den einfachsten Zutaten die verrücktesten Szenen zusammenkochen, aber es hat immer etwas mit uns und unserer Erlebenswelt zu tun. Das bringt mich zum nächsten wichtigen Punkt für die Traumdeutung, unserer persönlichen Lebenswelt.

Traumdeutung und persönliche Lebenswelt

Pittoreskes Traumstädtchen

Als jemand, der von den 39 5/6 Jahren, die er oder sie auf diesem Planeten wandelt, etwa 90% erst in einem ostdeutschen und dann in einem ostbayerischen Dorf verbracht hat, gab es bestimmte Dinge lange Zeit kaum in meiner Lebenswelt. Ich habe in meinem Leben vielleicht fünfmal persönlich mit einem Schwarzen gesprochen, ich leide unter exponentiell wachsender Überforderung, wenn eine Straße mehr als zwei Spuren hat und wenn ich nicht durch meine Familienbande mütterlicherseits in jungen Jahren ein paar Mal im Libanon gewesen wäre, reichte mein Horizont von knapp hinter Usedom bis Passau. Dementsprechend kommen in meinen Träumen Erdbeeren weit häufiger vor als Durian und weiße weit häufiger als Schwarze. Wenn ich vom Autofahren träume, dann in einem klapprigen Volkswagen auf einer gewundenen Bayerwaldstraße statt in einem Pickup auf fünfhundert Meilen schnurgeradem Flachland-Highway. Wenn ich im Traum durch eine Siedlung gehe und ein Geschäft betrete, dann schreite ich durch schmale kopfsteingepflasterte Gassen vorbei an mittelalterlichen Häusern mit Überhang und das Geschäft ist der Buchladen in der oberen Stadt in Landau.

Nur du selbst kannst deine Träume zuverlässig interpretieren.

Klapprige Türen und antike Bücher – zwei beliebte Traummotive bei mir.

Traumdeutung ist folglich eine sehr persönliche Sache. Niemand kann dir deine Träume deuten außer dir selbst. Wenn ich beispielsweise wie letzte Nacht träume, dass ich einen Säugling im Arm halte, der sich plötzlich in einen jungen Mann mit stoppeligem Bart verwandelt, aufsteht und fortgeht, dann hadert mein Unterbewusstsein höchstwahrscheinlich mit der Tatsache, die Frank Ramond in seinem Song „Das war doch gerade neulich“ so schön auf den Punkt bringt: Mein Sohn ist erwachsen, obwohl er gefühlt gerade eben noch ein Baby war. Wenn ich träume, dass ich die Haustür nicht abschließen kann, weil der Riegel kaputt ist, und ständig irgendwelche Leute in meinem Flur stehen, dann habe ich es offensichtlich mal wieder nicht geschafft, meine Ich-Grenzen zu verteidigen und fühle mich von einer Fülle an sozialen Interaktionen überfordert. Wenn ich träume, dass eine Horde süßer Katzen durch meine Wohnung tobt und sich schließlich mit ihren Krallen und Zähnen auf mich stürzt, dann fühle ich mich mit zu vielen unkontrollierbaren Ereignissen konfrontiert und befürchte, dass scheinbar Harmloses mir dennoch schaden könnte. Wenn ich allerdings träume, dass ich auf einer kreisrunden Plattform stehe und mich gegen Welle um Welle von frittierten, kartoffelchipsfarbenen Mumien verteidigen muss, dann wird es höchste Zeit, die Playstation auszuschalten, die Snacks wegzuräumen und mich von der Couch ins Bett zu schleppen.

Summa summarum bedeutet das: Nur du kannst deine Träume zuverlässig interpretieren. Berücksichtige dabei deine aktuelle Situation, deine Lebenswelt und deinen Erfahrungsschatz, denn daraus zieht dein Gehirn seine Ideen.

Vorgehensweise bei der Deutung

Ein steiniger Weg durch ein schattiges Tal.

Wenn dich ein kurioser Traum beschäftigt – oder ein schrecklicher oder einfach nur wiederkehrender – ist der erste, wichtigste Schritt für die Interpretation die Niederschrift. In vielen Fällen wurde mir allein durchs verbalisieren der wirr erscheinenden Bilder der Sinn dahinter bewusst. Die Szenen, die ich vor einigen Nächten erlebte, ergaben nur wahrgenommen keinen Sinn und schienen ein wildes Herumgespringe von Ort zu Ort zu sein. Erst befand ich mich auf einer Straße, spürte Steine unter den Füßen, hohe Berge türmten sich links und rechts von mir auf und hüllten alles in Schatten. Dann plötzlich stand ich auf dem Marktplatz einer Stadt und wurde beschimpft. Dann war ich wieder zurück auf der Straße, aber diesmal mit anderen Menschen und der Anführer der Gruppe sprach zu mir. Als ich die diffusen Bilder und Gefühle aber ordnete und in zusammenhängende Sätze fasste, kam das dabei heraus: Ich ging einen steinigen Weg durch ein dunkles Tal. Die Menschen in der Stadt warfen mir vor, mein Herr wäre ohne mich eingetroffen, doch er sagte schon auf dem Weg zu mir: Lass dich nicht von ihren Worten in die Irre führen. Wo immer du bist, bin auch ich.

Da unser Unterbewusstsein in Bildern spricht, müssen wir, um den Inhalt eines Traums zu verstehen, die Bilder darin verallgemeinern.

Kindliche Prägung bleibt auch im Alter Teil der Traumsymbolik.

Das ist, nebenbei bemerkt, noch so ein ambivalentes Verhältnis, das ich pflege – nämlich zur Religion – das wir aber an dieser Stelle nicht weiter vertiefen wollen. Es geht nur darum, dass Träume erheblich an Klarheit gewinnen, wenn sie in Worte gefasst und niedergeschrieben werden. Das stärkt nebenbei auch die Fähigkeit, sich an Träume zu erinnern, wenn das etwas ist, was du anstrebst.

Der nächste Schritt der Traumdeutung besteht in der Abstraktion. Da unser Unterbewusstsein nicht nur buchstäblich sondern auch im übertragenen Sinne in Bildern spricht, müssen wir, um den Inhalt eines Traums zu verstehen, die Bilder darin verallgemeinern. Wieder ein Beispiel dazu: Ich träumte, dass sich durch die andauernden Bauarbeiten in der Nähe ein Loch unter unserem Haus auftat und es einstürzte. Mein Mann, die Kinder und ich errichteten einen provisorischen Wohnraum in der Küche, die heil geblieben war. Mein Mann überdachte sie mit Teilen der eingestürzten Räume und wir lebten irgendwie trotzdem ganz gut weiter. Die Zeitung berichtete darüber und ein Bus mit Touristen kam angefahren, um das eingestürzte Haus anzusehen. Das machte mich wütend und entsprechend schlecht war meine Laune als ich aufwachte.

Wenn ich jetzt die Bilder in Worte übersetze, sieht das so aus: Eines Tages brach unverschuldet alles zusammen, was wir aufgebaut hatten. Doch unsere kleine Familie hielt zusammen und machte das Beste daraus, während die ganze Welt zusah.

Dieser Traum war also Ausdruck meiner unterbewussten Gewissheit, dass ich mich auf die Menschen, die ich liebe, verlassen kann, und dass sie auch noch für mich da sein werden, wenn meine Welt buchstäblich zusammenbricht. Was wie ein Katastrophentraum wirkte und mich wütend machte, erwies sich in Wahrheit als Zeichen meines Urvertrauens.

Ich kann gar nicht tauchen.

Wenn auch dieser Schritt noch keine Klarheit bringt, hilft es in einem letzten Schritt den Symbolgehalt von Traumszenen zu analysieren. Auch das ist wieder eine sehr persönliche und kulturell unterfütterte Angelegenheit. Beispielsweise steht für mich Wasser analog zu einigen esoterischen Lehren für Emotionen und das Unterbewusstsein selbst. Als ein Mensch, der sehr leicht von seinen Emotionen überwältigt wird (ich gleiche der Frau aus diesem Meme so sehr, dass allein diese Liste anzuschauen mich zum Weinen gebracht hat), gestalten sich Träume vom Wasser, respektive dem Meer oft so, dass ich von einer tsunamiartigen Welle weggespült werde, was mir große Angst macht, sich aber auf irgendeine kuriose Art als harmlos erweist. Beispielsweise träumte ich, dass ich in einem Zug an der Küste entlang fahre, als sich eine fünfzig Meter hohe Welle aufbaute und alles um uns herum wegspülte, Autos, Häuser, Straßen. Ich jedoch war in dem Zug in Sicherheit, der weiterhin stur seinen Schienen folgte. Diesen Traum habe ich so interpretiert, dass ich mal wieder eine besonders emotionale Phase durchmache. Da mein Leben jedoch in geordneten Bahnen (der Zug) verläuft, werde ich diese Phase unbeschadet überstehen. Zu anderen Zeiten hatte ich auch schon Träume, in denen leider kein Zug mich schützte, sondern ich unvermittelt von einer Landungsbrücke ins offene Meer gespült wurde. Das war dann eine der Situationen, in denen meine Luzidtraumarbeit sich auszahlte, denn statt in Panik zu verfallen, verließ ich den Traum an dieser Stelle, um mich weniger Aufwühlendem zuzuwenden.

Zusammenfassung

Gewöhnliche Träume dienen der Verarbeitung des Tagesgeschehens, unserer Gefühle, Gedanken und Erinnerungen. Sie zu interpretieren ist meist nicht nötig, kann jedoch bei wiederkehrenden, verstörenden oder kuriosen Träumen helfen, sich besser zu fühlen und damit besser zu schlafen.

Manchmal hilft es, das eigene Unterbewusstsein zu erkunden.

Der Inhalt unserer Träume hängt stark von unserer kulturellen Prägung und persönlichen Erfahrung ab. Daher kannst nur du für dich selbst deine Träume zuverlässig interpretieren. Das geht in drei Schritten: Schreibe die Szenen auf. Häufig reicht dieser Schritt schon für eine Verständnis des Inhalts. Verallgemeinere und abstrahiere das Wahrgenommene in einem nächsten Schritt. Das Unterbewusstsein spricht in Bildern, ein verstörender Traum kann einen positiven Kern haben. Zuletzt klopfst du den Traum auf seinen Symbolgehalt ab. Wasser kann für Emotionen stehen, ein Haus für den Körper, ein Zug für deinen Lebensweg. Bedenke bei all dem, das Ganze nicht zu ernst zu nehmen – mancher Albtraum resultiert schlicht aus zu viel Medienkosum oder einem schweren Abendessen.

Zum Schluss noch ein kleiner Haftungsausschluss: Ich bin gebe hier keine Ratschläge zur Selbstherapie, sondern teile lediglich meine Erfahrungen. Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf Richtigkeit oder Vollständigkeit und dient allein der Unterhaltung.

Hast du schon einmal deine Träume interpretiert und etwas Interessantes über dich selbst erfahren? Teile deine Erfahrung gerne mit mir. Wenn genügend Beispiele zusammenkommen, verfasse ich einen Folgeartikel mit Interpretationsansätzen.


Bilder: Pixabay.com