„70% reichen ihr Manuskript nie ein“
„70% reichen ihr Manuskript nie ein“

„70% reichen ihr Manuskript nie ein“

Ich bewege mich viel im englischsprachigen Raum, wie wahrscheinlich die meisten internetaffinen Millenials, weshalb auch viele der Menschen, denen ich gerne zuhöre, Amerikaner:innen sind. Einer davon ist James L. Rubart von der Rubart Writing Academy, dessen Newsletter ich nur wärmstens empfehlen kann.

„Schicken Sie mir das, dann gehe ich damit persönlich zu unserem Verlagschef.“

In einer schon etwas länger zurückliegenden Ausgabe erzählte er, dass 70% der Autor:innen ihr Manuskript nicht mal dann einreichen, wenn sie dazu aufgefordert werden.

Lustigerweise ging es mir vor Kurzem genauso. Vor kurzem bedeutet konkret: im November 2019, also in einem der letzten Monate, bevor die Erde vorübergehend aufhörte, sich zu drehen. Zumindest hatte es sich für mich so angefühlt. Zu dieser Zeit hatte ich eine Version meines Romans, mit der ich ziemlich glücklich war, fertiggestellt und sie auf BoD veröffentlicht. Weil mich jedoch Zweifel plagten, ob das nicht eine Dummheit darstellte, schickte ich mein Exposé mit Leseprobe zur Begutachtung an eine Lektorin. Das Feedback überraschte mich, denn sie fand das Exposé richtig gut und meinen Schreibstil ebenfalls. Nur die Thematik, tja, die ist eben ein bisschen altbacken und nicht mehr zeitgemäß – wenig verwunderlich, bedenkt man das Entstehungsjahr der Geschichte, das mit Anno 1999 datiert ist.

Fun fact: Inzwischen ist dies auch das Geburtsjahr der Protagonistin, da sie ja nach wie vor um die zwanzig Jahre alt ist. Manchmal frage ich mich, ob ein so altes Weib wie ich noch über ein so junges schreiben kann, ohne sich lächerlich zu machen. Aber das zu beruteilen, überlasse ich den geneigten Leser:innen.

Wie auch immer, die Lektorin lies sich von mir meine aktuelle WIP pitchen und sagte allen Ernstes: „Schicken Sie mir das, dann gehe ich damit persönlich zu unserem Verlagschef und schlag es ihm vor.“ Sie schob zwar ein vorsichtiges „vorausgesetzt, es ist genauso gut geschrieben, wie das, was Sie mir hier geschickt haben“ nach, aber die Einladung stand: Schicken Sie mir ihr Manuskript.

Erst, als dieser Jonglage-Akt glorreich scheitert, lernt sie, dass sie sein darf, wer sie wirklich ist, und dass wir manchmal das Risiko des Scheiterns eingehen müssen, wenn wir unsere Träume verwirklichen wollen.

Hab ich es getan? Nö. Warum nicht? Gute Frage – einfache Antwort: Ich hatte Angst. Nachdem ich mir den gepitchten Text nochmal auf den Bildschirm geholt hatte, überkamen mich alle Arten von Zweifeln. War das wirklich so gut geschrieben wie meine BoD-Veröffentlichung? War die denn überhaupt gut geschrieben? Wie sollte ich das beurteilen können? Außerdem kamen in der Geschichte lauter Menschen vor, über die ich so gut wie nichts Handfestes wusste: Wrestler:innen, Programmier:innen, Lesbinnen, POC, Porno-Darsteller:innen, Christ:innen, … Was, wenn ich diese Personengruppen auf unsensible oder verletzende Weise darstellte? Außerdem erschien mir der Plot bei näherer Betrachtung doch ziemlich hahnebüchen – eine 22-jährige Münchner Programmiererin, die lieber Pro-Wrestlerin wäre, muss ihre Indie-Liga vor dem Aus retten, ohne ihren Job zu verlieren oder die Beziehung zu ihrer Familie zu zerstören, während ihr Celebrity-Crush und aufsteigender Stern am Wrestlinghimmel nicht nur in der Stadt ist, sondern sie auch noch zum gemeinsamen Sparring einlädt. Erst, als dieser Jonglage-Akt glorreich scheitert, lernt sie, dass sie sein darf, wer sie wirklich ist, und dass wir manchmal das Risiko des Scheiterns eingehen müssen, wenn wir unsere Träume verwirklichen wollen.

Warte mal – steckt da eine Botschaft an mich selbst drin? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Eines der Privilegien der schreibenden Zunft ist, dass wir uns nicht an unsere eigenen Ratschläge halten müssen, sondern getrost weiterhin in unserem existenziellen Elend baden dürfen. Immerhin ist das die Quelle der Inspiration, wurde mir mal gesagt.

Wie auch immer, falls auch du zu den Menschen gehörst, die Chancen verstreichen lassen, aus Angst, sich lächerlich zu machen oder nicht gut genug für das strenge Auge der Öffentlichkeit zu sein, vertrau mir, wenn ich dir sage: Sich lächerlich zu machen tut einmal kurz weh – seine Träume sterben zu sehen, schmerzt ein Leben lang. Also los, ran an die Buletten! Hau rein und tu es – was auch immer, es ist.

Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich muss mal kurz telefonieren.

„Hallo Frau Lektorin, erinnern Sie sich noch an mich? Ja, wegen dieser Geschichte, also ich hab mir Folgendes überlegt …“

Bild: Free-Photos von Pixabay