Fantasy Mädchen Fisch

Carpe Jugulum

Eine weitere Schreibübung aus dem Schreib-Forum, diesmal zum Thema „Verzweigt“ – führe mindestens drei unabhängige Handlungsstränge zu einer Geschichte zusammen. Das war schwer, aber ich denke, der Text ist ganz witzig geworden.


„Katarzyna, mach das Fenster im Schlafzimmer zu!“, rief Mutter von unten. „Gleich kommt Omi mit Buberl und ich will nicht, dass der blöde Köter wieder da rausfällt.“
Katarzyna saß an ihrem Schreibtisch und brütete über der Deutsch-Hausaufgabe. Ein Gedicht im Stil des Expressionismus sollten sie schreiben. Katarzyna hatte eine vage Idee, aber recht viel mehr als der Titel war ihr noch nicht eingefallen, und selbst den hatte sie von einem Roman geklaut, den sie auf dem Kaffeetischchen von Mutters Busenfreundin Ariadne gesehen hatte, als sie noch mit auf die Besuche bei ihr musste. Carpe Jugulum stand da in schnörkeliger Schrift auf dem weißen Blatt.
„Katarzyna! Hast du das Fenster schon zugemacht?“ Irgendetwas krachte, dann klopfte jemand an die Tür.
Die Überschrift bedeutete frei übersetzt Nutze die Gurgel, aber das Carpe erinnerte Katarzyna an einen Karpfen, weshalb in ihrem Gedicht ein Fisch vorkommen sollte.
So wie ein Fisch im Wasser, schrieb sie,
den Bauch zur Sonne kehrt,
wenn man um ihn das Wasser
mit Maschinenöl beschwert

… tja, was dann? Nachdenklich kaute Katarzyna auf ihrem Bleistift. Expressionismus bedeutete auch ein Stück weit Nihilismus, also …
So wird auch das Menschlein
den Bauch nach oben drehn
und friedlich, bleich und leise
im Erdreich untergehn.

Zufrieden lehnte sie sich zurück. Na bitte, das würde Herrn Strauch gefallen. Poltern auf der Treppe, kratzende Schritte auf dem Boden. Warte, was hatte Mutter gesagt? Katarzyna sprang auf und rannte ins Schlafzimmer.
„Buuuubilein!“, rief Omi von unten, „komm zurück, du braver, kleiner Schatz!“
Von wegen brav! Buberl hatte etwa vier Hundelängen Vorsprung auf Katarzyna und steuerte natürlich direkt auf das Schlafzimmer zu. Sie hechtete ihm nach, erwischte die Leine und zog daran. Buberl blieb mitten in der Luft stehen, bevor er zurückgerissen wurde. Triumphierend schleifte Katarzyna das kleine Mistvieh in ihr Zimmer, wo sie Zeuge wurde, wie ein Windstoß ihr Gedicht zum Fenster hinauswehte. „Oh, nein!“ Sie ließ die Leine fallen und stürzte dem fliehenden Papier nach, doch zu spät: Es segelte aus dem Fenster und war fort.
So wie Buberl.
Katarzyna machte auf dem Absatz kehrt und rannte ins Schlafzimmer, gerade rechtzeitig, um den fetten Mops aufs Bett und aus dem Fenster hopsen zu sehen. Katarzyna kreischte und sprang ihm nach. Sie erwischte ihn geradeso bei den Hinterbeinen, verlor jedoch das Gleichgewicht und taumelte über die Fensterbank.
Vor ihrem geistigen Auge sah sie ihr Leben vorbeiziehen. Nur eine Sekunde trennte sie vom Bürgersteig. In diesem Augenblick kam eine Matratze angeschlittert. Mit einem satten Fump! landete Katarzyna auf dem Original Casanova Premiumfederkern und stöhnte. Das hätte schief gehen können.

***

Tom rannte, als wäre der Teufel hinter ihm her. In Wirklichkeit waren es die Jungs von der Serpent-Gang. Tom hatte gewusst, dass er aufhören musste, sie zu reizen, indem er auf dem Weg zur Arbeit ihr Territorium durchquerte, aber was sollte er tun? Eine Standharfe schleppender Weise konnte er nicht die Fußgängerbrücke nehmen und einen anderen Weg zum Schlossensemble gab es nicht. Er keuchte unter der Last seines Instruments. Das Ziel war fast erreicht, nur noch wenige Meter trennten ihn von der Fußgängerampel. Die genau jetzt rot sein musste. Tom schaute nach links und nach rechts, doch der Verkehr war zu dicht. Er hämmerte auf den Knopf, während seine Verfolger unaufhaltsam näherkamen. Doch da blieb einer der Serpent-Jungs stehen und fing an zu spielen. Der nasale, gespenstische Klang des uralten Instruments erfüllte die Hauptstraße und ließ Menschen stehenbleiben und sich umschauen.
Tom brach kalter Schweiß aus – jetzt war klar, dass sie seine Haut wollten. Er schulterte seine Harfe und stürzte sich todesmutig in den dichten Verkehr an der Rothenburgstraße. Dreispurig, mit Straßenbahn und Verkehrsinsel. Die Fußgängerampel immer noch rot. Die Gang nur noch vier Serpentlängen hinter ihm. „Gegenseitige Rücksichtnahme“, dachte er, die Autos würden schon für ihn bremsen. Er sprintete vor einem roten Kleinwagen auf die Fahrbahn. Aus dem Augenwinkel sah er noch, dass etwas auf der Scheibe des Autos klebte, direkt vor dem Gesicht der Fahrerin. Sie konnte ihn nicht sehen. Tom erstarrte. Er sah sein Leben vor seinen Augen vorbeiziehen. Da packte ihn einer der Serpentspieler beim Schlafittchen und riss ihn auf den Gehsteig zurück. Der Kleinwagen raste in den Gegenverkehr. Ein Laster wich hupend aus, kam ins Schleudern und prallte gegen die Friedenssäule. Seine Hecktür sprang auf und eine Ladung Premiumfederkernmatratzen ergoss sich auf den Gehsteig.
„Alter, bist du irre? Du wärst fast überfahren worden!“, keuchte der Serpentspieler hinter ihm.
Tom zuckte zusammen. „Bitte tut mir nichts!“, wimmerte er.
Die Musiker sahen ihn verständnislos an. Dann lachten sie plötzlich. „Dachtest du, wir wollten dir was tun?“
Er nickte ängstlich. „Weil ich in euer Territorium eingedrungen bin, dachte ich.“
„Nein, Mann, so ein Quatsch! Das ist aus deiner Tasche gefallen und wir wollten es dir zurückbringen.“
Der Serpentspieler reichte ihm seine geliebte Ausgabe von Terry Pratchetts dreiundzwanzigstem Discworld-Roman. Seine Augen wurden feucht. Seit seine Tante Ariadne sie ihm in einer dunklen Stunde geschenkt hatte, trug er sie immer bei sich. „Danke“, flüsterte er mit Tränen in den Augen.
„Hey was ist, jammen wir ein bisschen?“, fragte der größte der Serpentspieler. Tom nickte lächelnd.

***

„Das ist doch alles Blödsinn“, grummelte Heinrich und quetschte sich in den Opel Corsa seiner Mutter. Es wäre ihm wesentlich leichter gefallen, wenn er es nicht schon wieder seit Tagen mit dem Ischias hätte.
„Das ist kein Blödsinn, sondern nichts als die Wahrheit. Du wirst schon sehen!“ Christine wischte ein Stäubchen vom makellosen Rot ihrer Wagentür, bevor sie auf der Fahrerseite einstieg.
„Ich glaube dieser Wahrsagerin kein Wort, die hat uns bloß Geld aus der Tasche gezogen.“ Heinrich war ausgesprochen schlechter Laune.
„Ich fand es hoch interessant.“ Christine startete den Wagen und bog in die Rothenburgstraße ein.
„Also wirklich! Wenn ein Engel, der vor Schlangen flieht, euren Weg kreuzt, seid ihr ausersehen, den Herzensbrecher Frieden finden zu lassen. So wird einer unschuldigen Seele die weiche Landung auf Erden ermöglicht und himmlische Töne erklingen.“ Heinrich schnaubte. „Lächerlich!“
„Ich glaube ja, es bedeutet, dass du endlich eine Frau findest und mir Enkelkinder schenkst.“
„Diese Madame Ariadne hat doch nicht alle Kerzen am Baum“, erwiderte Heinrich, als plötzlich ein Blatt Papier auf die Scheibe klatschte und Christine die Sicht nahm. Carpe Jugulum stand darauf und darunter ein hingekritzeltes Gedicht. Von rechts stürzte ein junger Mann mit einer Harfe auf dem Rücken auf die Straße. „Aufpassen!“, kreischte Heinrich.
Christine verriss das Lenkrad, geriet in den Gegenverkehr und bremste scharf. Ein Laster von Matratzen-Casanova konnte nicht mehr ausweichen, prallte gegen die Friedenssäule und verstreute seine Ladung just in dem Moment über den Gehsteig, als ein etwa vierzehnjähriges Mädchen mit einem Mops im Arm aus dem dritten Stock eines Wohnhauses fiel. Zu dem Harfespieler hatten sich nun vier andere Männer mit geschlängelten Blasinstrumenten gesellt und fingen an, ein überirdisch klingendes Stück zu improvisieren.
Heinrich starrte seine Mutter an. „Fahr sofort zurück“, sagte er entschlossen. „Ich muss die Wahrsagerin nach den Lottozahlen fragen.“


Bild: Stefan Keller auf Pixabay