Die Erzählmaschine – Gastbeitrag von Ingo S. Anders

Im Rahmen unseres Blog-Rings präsentiere ich euch heute eine Kurzgeschichte von meinem wunderbaren Kollegen Ingo S. Anders.


»Julian, das war ganz bezaubernd, mit Ihnen heute Abend zu tanzen.«
Er bot ihr den Arm an. »Vielen Dank, Miss Sugarfield.«
Sie hakte sich bei dem hochgewachsenen jungen Mann ein. »Ich liebe den Juristenball.«
»Mit Ihnen liebe ich alles«, sagte er.
Kaum war er auf die Straße getreten, drehte er sich so schnell um die eigene Achse, dass man ihn nicht mehr ausmachen konnte und als ließe er sich auf alle Viere fallen und wüchse zur selben Zeit, stand im nächsten Moment ein Einhorn vor Miss Sugarfield.
»Ach, mein Julian«, murmelte sie und strich ihm über den Hals. In einer fließenden Bewegung raffte sie ihr Kleid und schwang sich auf seinen Rücken. Im Mondschein verschmolzen sie beide zu einer einzigen weißen Gestalt.

Am nächsten Montag in der Kanzlei empfing Miss Sugarfield einen neuen Mandanten. Julian kredenzte ihnen Tee und setzte sich dazu.
»Sie haben also die Erzählmaschine gestohlen, Mr MacPeahead. Sind Sie sich der Tragweite Ihrer Handlung bewusst?«
»Nicht so ganz. Deshalb komme ich ja zu Ihnen.«
»Mr MacPeahead. Die Erzählmaschine ist von grundlegender Bedeutung für das Erzählen von Geschichten. Ohne sie können die Autoren unserer Welt keine Geschichten mehr schreiben. Wir haben so schon Nachwuchsprobleme, weil die Leser sich fast immer nur für das interessieren, was alle anderen auch interessant finden und deshalb von den Verlagen ganz viele neue Geschichten abgelehnt werden. Aber wenn keine geschrieben werden können, oh my God! Wenn keine neuen Geschichten mehr geschrieben werden, dann können auch keine Fortsetzungen bestehender Geschichten mehr geschrieben werden. Brechen Sie sich also das Bein oder verlieren meinetwegen Ihren Erbsenkopf, dann bleibt das so stehen. Niemand wird Sie retten können, auch ich nicht. Passt das in Ihren kleinen grünen Schädel, Mr MacPeahead?«
Der Mandant guckte seine Anwältin aus kleinen, traurigen Augen an. »Ich möchte nicht, dass es mich gibt. Mein Leben ist eine Qual. Ich werde die Maschine zerstören.«
»Sind Sie des Wahnsinns?! Damit werden Sie uns alle zerstören! Alle Figuren, die je erfunden und in Geschichten niedergeschrieben wurden, werden ihre Existenz beenden. Das ist Massenmord!«
»Nun übertreiben Sie nicht. Immerhin sind wir alle nur erfunden, also ist es auch nur erfundener Mord.«
Ihr blieb der Mund offen stehen.
»Wissen Sie, es will auch kaum noch jemand Geschichten lesen. Ja klar, sogar das ist ein alter Hut. Entschuldigen Sie, ich will Sie nicht langweilen.«
»Mr MacPeahead, wo ist die Erzählmaschine?«
»Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich Ihnen das verrate?«
»Mr MacPeahead, ich bitte Sie!«
»Geben Sie sich keine Mühe, Miss Sugarfield. Es ist zu spät. Ich muss nur noch den Punkt machen. Es war mir nur danach, vorher meine Seele zu erleichtern.«
Niemand achtete auf Julian, der zu einem Schreibblock gegriffen hatte, auf den er jetzt hastig kritzelte: MacPeaheads Kopf explodierte.
»Verdammt, Julian!« Miss. Sugarfield wischte sich das Grünzeug von der Brille. »Musste das sein?«
»Er wollte uns alle umbringen!«, sagte er mit weit aufgerissenen Augen. »Das war das erste, was mir einfiel. Tut mir leid.«
»Aber wir dürfen die Erzählmaschine nicht selbst benutzen, Julian! Wir sind erfundene Figuren!«
Er war aufgestanden, lief hin und her und raufte sich die Haare.
»Und wie sollen wir jetzt die Erzählmaschine finden?«
»Ist das denn wichtig? Sie funktioniert doch offenbar noch. Sonst wäre er nicht …«
»Sonst wäre sein Kopf nicht explodiert? Mensch, was machen wir denn jetzt mit ihm?«
»Wir sind Anwälte, Miss Sugarfield. Wir sind keine Verbrecher. Wir werden es ordnungsgemäß melden und die Geschichte so erzählen, wie sie passiert ist. Von Anfang an. Es war Notwehr. Wir haben unsere Welt gerettet. Zu dieser Ansicht muss auch das Gericht kommen.«
Mit fahrigen Bewegungen fing sie an, zu putzen.
»Tun Sie das nicht. Unsere Kanzlei ist doch jetzt ein Tatort.«
»Ach ja.«
»Ich glaube, ich koche uns beiden jetzt noch einen Tee.«
»Ja, tun Sie das, Julian.«

Es kamen und gingen die Leute von der Rettung, die sahen, dass nichts mehr zu retten war. Die Polizei, die beruhigende Worte für Miss Sugarfield fanden. Die Spurensicherung, die Julian für seine Umsicht dankte.
Tatsächlich fand sich niemand, der Mr MacPeahead vermisste. So beschloss Miss Sugarfield, für ihren Mandanten eine Beerdigung auszurichten. Das waren sie ihm schuldig, fand sie.
Für diesen Anlass kam sie nicht umhin, schwarz zu tragen anstatt ihrer sonst üblichen weißen Hosenanzüge, auf denen man Julians Haare nicht sah. Deshalb sattelte sie ihn ausnahmsweise.
»Nein, das sieht einfach nicht aus. So können wir nicht auf dem Friedhof einreiten.« Sie schüttelte den Kopf.
Das Einhorn stieg und tänzelte und Julian verwandelte sich zurück in den stets angemessen gekleideten Herrn und bestellte für sie beide ein Taxi.


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Bild: PrettySleepy auf Pixabay.com