Fertig ist besser als perfekt

Heute möchte ich eine Lanze für Mediokrates brechen. Nachdem ich das letzte Jahr überwiegend mit einer Weiterbildung beschäftigt gewesen war, die mehr oder weniger meine gesamte Schreibzeit gefressen hatte, war es ein Genuss, im gerade vergangenen August den Rohentwurf eines neuen Romanprojekts (Arbeitstitel: „Seelendiebe“) zu schreiben. 67.000 Wörter sind es am Ende geworden, was eine blöde Zahl ist und einen Teils zu wenig, anderen Teils zu viel, aber, um Mediokrates zu zitieren: Eh, passt schon so. Gut wird’s beim Überarbeiten.

Das Spannende an diesem Entwurf, den ich in einer persönlichen Rekordzeit von vier Wochen fertiggestellt habe, war das unbeschreibliche Glücksgefühl, meine eigene Deadline eingehalten und ihn fertiggestellt zu haben. Die vergangene Woche habe ich mit dem Ende gerungen – traditionell der schwerste Teil eines Romans – bin so gut wie daran verzweifelt und war nahe dran, einfach hinzuschmeißen und gleich mit dem zweiten Entwurf zu beginnen. Aber ich hab’s nicht getan. Stattdessen habe ich ein bisschen gemogelt, sehr viel Tell und sehr wenig Show verwendet, eine Handvoll Fäden nicht mehr zusammengeführt, eine weitere Handvoll Charakterentwicklungsbögen nicht sauber zu Ende geführt und schließlich alles mit einem verhältnismäßig blöden Foreshadowing auf den nächsten Band enden lassen. Alles in allem ein ernüchterndes Ende eines grobschlächtigen Entwurfs. Aber eines fertigen Entwurfs. Die Bedeutung von etwas Fertigem ist nicht zu überschätzen.

Indem wir uns etwas vornehmen und es dann auch tun, trainieren wir unser Unterbewusstsein, daran zu glauben, dass wir Sachen erledigt bekommen. Indem wir entgegen aller Widerstände an unseren Zielen und Träumen festhalten, uns Schritt für Schritt auf sie zu arbeiten und sie schließlich verwirklichen, stärken wir unser Urvertrauen in uns selbst. Indem ich mir jahrelang antrainierte, dass ich niemals eine Deadline verpasse, was im Leben einer Freiberuflerin eine wichtige Fertigkeit ist, habe ich auch die selbstgesetzte Deadline für diesen Romanentwurf einhalten können. War es eine einzige Plackerei? Und ob. Ist das Ergebnis schön? Hahaha, nö. Bin ich trotzdem stolz darauf? Aber hallo! Ich habe mir ein Ziel gesetzt und einen Schritt nach dem anderen darauf zu gemacht, bis ich es erreicht habe.

Immer wieder gibt es Dinge in unserem Leben, die wichtig, aber nicht dringend sind. Wie diesen Roman zu schreiben, der schon seit Jahren durch deinen Kopf spukt, dieses Hochbeet aus dem Supermarkt endlich aufzubauen und ein paar Kräutertöpfe hineinsetzen, den Akku in meinem alten Handy anhand einer Youtube-Anleitung auszutauschen, das Bad neu zu fliesen oder die Terrasse zu unterkellern. Wir alle haben unsere Projekte, die wir gerne erledigt haben würden, aber bei denen immer irgendwas dazwischen kommt. Manchmal gibt es gute Gründe, Projekte hinten anzustellen. Manchmal ist die Zeit nicht reif, der Wind steht ungünstig oder die Mittel werden woanders dringender gebraucht. Manchmal aber ist alles, was uns vom Erfolg abhält, Perfektionismus. In diesen Momenten, in denen ich hinschmeißen möchte, weil ich das Ergebnis meiner Bemühungen schon erkennen kann und es meinen Ansprüchen nicht gerecht wird, erinnere ich mich an Mediokrates‘ weise Worte: Eh, passt schon so.

Fertig ist besser als perfekt. Nicht manchmal. Immer. Selbst eine Hirnchirurgin oder eine Raketenwissenschaftlerin muss irgendwann fertig machen. Vielleicht ist das Ergebnis dann perfekt, vermutlich aber nicht. Irgendwann müssen wir entscheiden, dass ein Projekt abgeschlossen ist. Oder zumindest ein Schritt davon, wie im Falle meines Rohentwurfs. Natürlich muss der noch kräftig überarbeitet werden, bevor er einer hoffentlich geneigten Leserschaft präsentiert werden kann, aber für den Augenblick ist er fertig. Ich bin fertig. Auf mehr als eine Weise, aber allen voran auf eine sehr befriedigende.

Kaum etwas ist so erfüllend wie ein fertiggestelltes Projekt. Also, worauf wartest du noch? Nimm den Pinsel, den Stift oder den Meißel, setz dich an den Rechner, die Werkbank oder das Klavier und hau rein. Du wirst sehen, etwas fertiggestellt zu haben, egal wie wenig perfekt es ist, fühlt sich unglaublich gut an. Und denk immer daran: Eh, passt schon so.