Hör auf, so nett zu mir zu sein!

Ich verbrachte die Nacht auf Peters Couch, zog ein Massagestudio von Ingolstadt nach Obermenzing um, und schlief auch die nächste Nacht in dem winzigen Reihenhaus meines Kollegen. Peter und Robert drehten die Gastfreundschaft auf elf. Ich bekam einen Satz Handtücher von ihnen und eine eigene Ecke im Kühlschrank. Wie immer fühlte es sich falsch an, wenn sich jemand so um mich kümmerte. Tief in meinem Inneren lebte die Überzeugung, dass ich das nicht verdiente. Dass ich mich immer nur auf mich selbst verlassen durfte, weil alles andere zu gefährlich wäre.

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – tat es so gut, dass da jemand Kippen für mich hatte, wenn meine noch im Automaten steckten.


An dieser Stelle meiner aktuellen WIP lasse ich Protagonistin Gene darüber nachdenken, wie unverdient und seltsam falsch es sich anfühlt, dass ihr Arbeitskollege Peter sie in ihrer prekären Lage so vorbehaltlos und freundlich bei sich aufnimmt. Während Vieles in dem Roman pure Fantasie und Erfindung fernab meiner Lebenswirklichkeit ist, haben Gene und ich hier etwas gemeinsam. Vielleicht liegt es an meiner Mobbingerfahrung zu Schulzeiten, der Erziehung zu Misstrauen und Rückzug in einem von Überwachung geprägten Unrechtsstaat in meiner Kindheit, meinem grundsätzlich melodramatischen Gefühlsleben oder irgendwas anderem, schwer Begreifbarem – Fakt ist, dass mich bedingungslos freundliche Leute überfordern. Fakt ist auch, dass die Welt offenbar voll von solchen Menschen ist.

Nehmen wir als Beispiel meine seit September laufende Gasthörerschaft an einer Münchner Fachakademie. Wohin man guckt, nichts als freundliche, hilfsbereite Leute. Und nicht nur da: Als sich bei einer Fahrkartenkontrolle in der Münchner U-Bahn herausstellte, dass mein Ticket nur für die S-Bahn gilt, hatte der Kontrolleur ein Einsehen mit meiner begrenzten Großstadttauglichkeit als offensichtliches Landei und ließ mich mit einer Standpauke davonkommen. Anschließend durfte ich die restliche Strecke zum Hauptbahnhof zu Fuß gehen und kam so in den Genuss einen Dönerladen in der Sonnenstraße mit dem wunderschönen Slogan

Pide sei mit dir

zu sehen. Wäre mir entgangen, wenn ich eine passende Fahrkarte gehabt hätte.

Genau wie Gene genieße ich es natürlich im Grunde, dass es so viele freundliche Menschen gibt. Aber genau wie für sie fühlt es sich für mich immer ein Stück unverdient an, wenn jemand nett zu mir ist. Einfach so, ohne Gegenleistung, ohne Hintergedanken. Inspiriert mich jedes Mal, es auch so zu machen. Geht es dir auch manchmal so?

Kennst du Gene schon? Falls nicht, kannst du über den Button unten die ersten 5 Kapitel der aktuellen Fassung einfach unverbindlich anlesen. Schreib mir dann, wie es dir gefallen hat!

Bild: 8777334 auf Pixabay