Vergebung – Kurzgeschichte aus der Welt von „Seelenschulden“
Vergebung – Kurzgeschichte aus der Welt von „Seelenschulden“

Vergebung – Kurzgeschichte aus der Welt von „Seelenschulden“

Ein kleines Prequel zur aktuellen Fassung meiner ältesten WIP, die vielleicht demnächst doch mal fertig wird.
Eine Urban-Fantasy-Geschichte, in der Schuld und Vergebung die wichtigsten Faktoren dabei sind, wer in den drei Reichen der Feen, Menschen und Dämonen Macht hat und wer Probleme.


Er wartete den Moment ab, in dem die menschliche Seele am empfänglichsten war – kurz nach dem Eintritt in die REM-Phase. Nach achtzehn Jahren, die er diese Gespräche schon führte und ihre Konsequenzen trug, hatte er eine gewisse Routine darin. Dennoch … Augustus bildete nicht ohne Grund den Schluss seiner Liste. Keine und keiner der anderen empfand auch nach all den Jahren noch einen derart tiefgehenden Hass für ihn. Behutsam dehnte er seine Seele aus, bis sie die seines Ziels berührte – und fand sich unvermittelt auf einem Golfplatz wieder. Die Sonne brannte vom Himmel und blendete ihn, obwohl er nicht körperlich hier war. Ein intensiver Traum eines intensiven Mannes. Augustus hatte die Ärmel seines Designerhemds hochgekrempelt und übte den Abschlag auf einem makellosen Putting Green.
Langsam trat er näher, die Hände in einer besänftigenden Geste erhoben. „Entschuldige die Störung.“
Augustus würdigte ihn keines Blickes.
„Du wirst dich nicht an mich erinnern, doch ich habe dir einmal viel Leid zugefügt.“ Er näherte sich ihm von der Seite. Träume konnten ihm keinen physischen Schaden zufügen, aber bei der Intensität dieses hier würde ein Golfschläger gegen den Kopf, absichtlich oder unabsichtlich geführt, höllisch wehtun.
Augustus richtete den Blick in die Ferne, prüfte seine Position und schlug kraftvoll den Ball ab. „Ich erinnere mich sehr gut an dich, Kieran von Lough.“ Er griff in den Korb voller Bälle auf der Bank hinter sich und maß sein Gegenüber dabei mit durchdringendem Blick. „Aber ich hätte nicht gedacht, dass du es wagst, dich in meine Träume zu schleichen. Was willst du?“
Instinktiv wich Kieran zurück. Die Kulisse des Traumes erlaubte ihm ungewohnte Empfindungen. Pochendes Herz, schweißnasse Hände, trockener Mund. Furcht. Alles in ihm sträubte sich gegen das, was er gleich tun würde. Doch achtzehn Jahre, in denen er sich nun schon seiner Mission hingab, verliehen ihm die Kraft, den Widerwillen zu überwinden.

Er kniete nieder und senkte den Kopf. „Ich möchte dich um Vergebung bitten.“

Die Augen geschlossen, erwartete er eine der üblichen Reaktionen – ausgelacht, angebrüllt oder ignoriert zu werden. Halb und halb auch, die nächstnähige Bekanntschaft seiner Schläfe mit dem Golfschläger. Als geraume Zeit nichts geschah, hob er den Kopf wieder und sah Augustus an.
Dieser erwiderte seinen Blick – scharf, forschend. „Wieso?“, fragte er. Der Golfschläger diente ihm nun als lässiger Gehstock. Die Sonne über dem Golfplatz senkte sich mit großer Geschwindigkeit zum Horizont.
Kieran verharrte kniend und antwortete wahrheitsgemäß: „Ich möchte eine zweite Chance.“
Augustus schnaubte. „Abschaum wie du verdient keine zweite Chance.“
„Das stimmt.“ Kieran sah ihm fest in die Augen. „Ich verdiene sie nicht. Doch du kannst sie mir schenken.“
Augustus hob die Augenbrauen. Scheinbar gegen seinen Willen verzog sich sein Gesicht zu einem Grinsen, bis er schließlich lachte. Tief, brummend und herablassend. „Wofür hältst du mich, du kleiner Scheißer? Für die Heilsarmee? Den guten Samariter? Mutter Theresa? Newsflash, Kiddo: Ich habe nichts zu verschenken. Insbesondere nicht an Dämonenpack, und sei es noch so reumütig.“ Er hob den Golfschläger wieder. Hinter ihm erhellten gewaltige Lichtkegel den Golfplatz unter einem unnatürlich klaren Sternenhimmel. „Jetzt verschwinde. Wegen dir verliere ich wertvolle Trainingszeit.“
„Bitte. Ich tue, was immer du willst. Nenne deinen Preis und ich werde ihn bezahlen.“ Kieran stand auf und trat so nah an Augustus heran, dass er Gefahr lief, den nächsten Abschlag ins Auge zu bekommen.
„Ich will nichts von einem wie dir.“ Augustus platzierte den Schläger hinter dem Ball und spähte zu dem Hügel, auf dem ein Fähnchen das Loch markierte.
„Ich habe Feenmagie. Genug, um jede deiner Fantasien zu erfüllen.“ Kieran streckte die Hand aus und ließ einen Aston Martin über den Golfplatz heranbrausen. Ein Chauffeur mit weißen Handschuhen und Schirmmütze stieg aus und hielt Augustus die Schlüssel hin. „Ihr Wagen ist vorgefahren, Sir.“
Augustus starrte den Wagen an und schließlich Kieran. „Denkst du, dass du so leicht davonkommst? Mit einem Auto? Die Karre kaufe ich mir von meinem nächsten Quartalsbonus.“ Er hob die Faust und drehte sie ruckartig. Wagen und Chauffeur zerfielen zu Staub, den der Wind davontrug.


„Wonach sonst sehnt sich dein Herz?“ Kieran zeigte ihm die leeren Handflächen. „Sag es mir und es soll dein sein.“

Augustus blähte die Nasenflügel. „Kannst du mir mein Leben zurückgeben? Meine Schwester, die du geschändet hast? Meinen Vater, der durch deine Hand starb? Den Hof, den du und deine Waffenbrüder niedergebrannt haben? Meine Großmutter und die Lieder, die sie für mich sang, wenn ich nicht einschlafen konnte?“ Seine Augen glänzten schwarz und wild. „Ich erinnere mich nicht mehr an sie. Keines davon will mir mehr einfallen, so sehr ich es auch versuche.“
Kieran schloss die Augen und suchte tief in seinem Inneren. Es dauerte einen Moment, doch er fand, was er suchte. Langsam, mit sanfter Stimme sang er:

Erdő, erdő, erdő
Marosszéki kerek erdő
Madár lakik benne
Madár lakik tizenkettő …“


Der Schlag traf ihn unvorbereitet. Ein stechender Schmerz explodierte in seinem Kiefer. Rücklings stürzte er zu Boden und schlitterte ein Stück über das feuchte Gras. Mit einem Ächzen schob er sich in eine sitzende Position und rieb sich das schmerzende Gesicht.
„Du hast kein Recht, dieses Lied in den Mund zu nehmen.“ Augustus‘ Brust hob und senkte sich heftig. Hasserfüllt starrte er ihn an. „Tust du es noch einmal, wirst du dir wünschen, du hättest die Hölle nie verlassen.“
Kieran betrachtete das Blut, das er von seinem Mundwinkel gewischt hatte. Es war nicht real, nur ein Traum. Nicht einmal seiner. Doch was sie hier erlebten, hatte reale Konsequenzen. Vielleicht konnte er ihn so gewinnen. „Dein Zorn ist gefährlich.“ Er stand auf. „Wie wäre es, wenn ich dir damit helfe?“
Stirnrunzelnd ballte Augustus die Faust. „Worauf willst du hinaus?“
Kieran trat auf ihn zu und musterte ihn aufmerksam. „Du bist noch nicht lange zurück zur Erde gefallen, nicht wahr? So voller Wut …“ Er neigte den Kopf. „Wenn du sie gegen den Falschen richtest – etwa einen, der es verdient hat, aber unter dem Schutz der Quelle steht – dann leistest du mir viel eher in der Hölle Gesellschaft als dir lieb sein kann.“

Wieder schlug Augustus zu, doch diesmal fing Kieran den Schlag ab. „Du weißt, dass ich Recht habe.“

Noch ein Schlag und noch einer. Kieran duckte sich. Er nahm den Schwung des nächsten Schlages auf, packte Augustus am Arm und wirbelte ihn herum. Wütend stolperte er einige Meter weit, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Er richtete sich auf. Sorgfältig strich er sein Hemd glatt und wandte sich zu Kieran um. „Erkläre mir noch einmal deinen Vorschlag.“ Seine Stimme war nun ganz ruhig.
Kieran wählte die nächsten Worte sorgfältig. „Ich biete dir ein Ventil. Bring mir deine Wut in ihrer ganzen Stärke. Was auch immer der Tag dir abverlangt, kannst du getrost mir geben. Ich werde mich nicht wehren, niemals.“ Inzwischen stand Augustus ganz nahe vor ihm. Seine schwarzen Augen funkelten. „Dann“, fuhr Kieran fort, „wenn du den Augenblick für gekommen hältst, schenkst du mir deine Vergebung.“
„Und du bekommst deine zweite Chance.“ Augustus legte den Kopf schief. „Als Mensch?“
Kieran nickte. „Als Aufgestiegener. Mit Bewährungsauflagen, wenn man so will.“
Augustus blähte die Nasenflügel und entließ hörbar die Luft aus seinen Lungen.

Schließlich nickte er. „Abgemacht.“ Er reichte ihm die Hand.

Kieran ergriff sie.
Das kalte Lächeln in den Augen seines Gegenübers erfüllte ihn mit einer Vorahnung auf die Zukunft. Jetzt aber gab es kein Zurück mehr. Nur noch dieser eine musste ihm vergeben. Er würde es durchstehen. Wie schlimm konnte der Zorn eines einzelnen Mannes schon sein?


Kennst du Gene schon? Falls nicht, kannst du über den Button unten die ersten 5 Kapitel der aktuellen Fassung einfach unverbindlich anlesen. Schreib mir dann, wie es dir gefallen hat!

Bild von guildrl auf Pixabay